Girasol | Firmenporträt

Girasol | Firmenporträt

Girasol – ein Hersteller unter vielen. Es gibt inzwischen wohl Hunderte Hersteller*innen von Tragetüchern und Fertigtragen. Wir kennen oft nur die Produkte, wissen aber meist wenig über die Gesichter und Geschichten dahinter. In unserer neuen Reihe Firmenporträts möchten wir einen Blick hinter die Kulissen werfen und ergründen, wer hinter den Firmen steckt, wie sie zu ihren Produkten gekommen sind, und was sie antreibt.

Den Anfang macht Girasol, ein Urgestein in der Tragewelt. Im folgenden Artikel beschreiben wir, wie es zur Firmengründung kam, welche Produkte Girasol anbietet und wir entführen euch zu den Mayas und ihrer Webkunst.

Die Anfänge von Girasol

1980-1982: Mexiko und Guatemala

 Als Camilla Wurm und Gerhard Engelmann Ende 1980 zu ihrer Reise durch Mittel- und Südamerika aufbrachen, dachte keine*r der beiden, dass diese Reise zur Gründung einer Firma führen sollte. Der Plan war, den amerikanischen Kontinent von Mexiko nach Peru zu bereisen und zu erkunden. Die Faszination der Karibik und die Schönheit des Hochlands von Guatemala hinderten die beiden jedoch an der Weiterreise. So kam dann der Punkt, als sie sich eingestehen mussten, dass nicht nur der Zeitrahmen gesprengt, sondern vor allem das Budget restlos erschöpft war.

Die Lösung für beide Probleme war schnell gefunden: Mitte 1981 begannen sie, auf den Märkten der Maya im Hochland von Guatemala handgewebte Textilien zu kaufen, die dann in Mexiko verkauft wurden. Der Handel erweiterte sich nach und nach und bis Ende 1982 pendelten die beiden regelmäßig zwischen Guatemala und Mexiko. Während sie ihren Lebensunterhalt verdienten, lernten sie Land und Leute kennen und lieben. Insbesondere die Maya faszinierten Camilla und Gerhard. Mit vielen Kunsthandwerkern – Webern, Keramiker, Sticker, Schneider – entstanden Verbindungen, die bis heute bestehen.

Das Hochland von Guatemala Foto: © Girasol

1983: Berlin

 Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland 1983 setzten sie diesen Handel, unterstützt von ihrem Freund Wolfgang Blaum auf Floh- und Wochenmärkten, und später im Jahr im eigenen Geschäft in Berlin fort.

Seit dieser Zeit kaufen sie Jahr für Jahr alle Produkte fast ausschließlich direkt von den Hersteller*innen in Guatemala und Mexiko. Das sind kleine Handwerksbetriebe, Kooperativen und selbständig arbeitende Weber*innen und Schneider*innen.
Beim Kauf, der Herstellung und dem Vertrieb stehen seit den Anfängen die Prinzipien des fairen Handels und der Nachhaltigkeit im Vordergrund.

Der Laden in Berlin ist eine Wunderkammer voll mit Kunsthandwerk aus Mexiko und Guatemala: Von Masken, Wimpeln, Stickbildern, Votivherzen, Taschen, Glas und Keramik über allerlei Paraphernalia zum Tag der Toten aus Mexiko gibt es nach wie vor viele handgewebte Textilien, Webborten und Taschen aus recycelten Blusenstoffen aus Guatemala. Außerdem im Angebot sind Hängematten mit allem Zubehör.

Heute ist Girasol eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts, gebildet aus drei Gesellschaftern, mit zur Zeit sieben festangestellten Mitarbeitern*innen in Teil- und Vollzeit, sowie vier Minijobber*innen.

Stickbilder der Otomi aus Mexiko Foto: © Girasol
Keramik aus Mexiko Foto: © Girasol

Tragetüchern von Girasol

 Girasol ist insbesondere bekannt für Baby-Tragetücher. In Guatemala gibt es eine lange Tradition des Babytragens, die sich von der in Europa verbreiteten jedoch unterscheidet. Während man in Guatemala ein rechteckiges Tuch, einen so genannten Cargador verwendet, der – zum Dreieck gefaltet – vor allem zum Tragen auf dem Rücken verwendet wird, sind in Deutschland eher lange und schmale Tragetücher gefragt. Zunächst in kürzeren Längen für das Tragen auf der Hüfte, bevor sich zunehmend mit der Wickelkreuztrage das Tragen vor dem Bauch durchsetzte, wofür längere Tücher notwendig wurden.

Diese werden ausschließlich für Girasol in einem langsam gewachsenen Netzwerk von Mitarbeiter*innen in Guatemala in Handarbeit hergestellt. Die Tücher werden auf Handwebstühlen aus zuvor handgefärbten Garnen gewebt. Girasol war neben Didymos eine der ersten deutschen Firmen, die Tragetücher herstellten und vertrieben. Neben den Babytragetüchern gibt es Ringslings – die schnelle Tragehilfe für zwischendurch.

Tragen in Guatemala Foto: © Girasol

Herstellung

 Die Herstellung erfolgt in Guatemala in einem von Girasol eigens geschaffenen Netzwerk aus Färber*innen, Weber*innen und Schneider*innen, die alle der indigenen Bevölkerungsgruppe der Maya angehören.

Girasol arbeitet seit nahezu drei Jahrzehnten mit dem Weber beziehungsweise inzwischen mit seinen 4 Söhnen zusammen, und auch ihren Schneider kennen sie schon seit vielen Jahren. Eine Zusammenarbeit über diese Entfernung hinweg, dazu auf dem Hintergrund eines großen kulturellen Unterschiedes, kann nur auf der Basis von Vertrauen und gegenseitiger Akzeptanz möglich und erfolgreich sein. Fairer Handel ist dann ein natürliches, selbstverständliches Verhalten, ja geradezu eine Bedingung, und schließt Nachhaltigkeit zwangsläufig mit ein.

Gerhard Engelmann, Pedro („oberster Weber“) und Obispo (Färber) Foto: © Girasol
Hier hängen die Garne, die Obispo gefärbt hat, und trocknen unter freiem Himmel. In der Regenzeit kann das auch dauern, das verzögert dann die Lieferzeiten… Foto: © Girasol

Girasol - Die Webung

 Ein Tragetuch sollte aus diagonalelastischem Stoff sein, denn dadurch kann es punktgenau festgezogen werden, das Kind eng umschmiegen und zugleich Raum für Bewegung lassen. 

In Guatemala werden auch noch heute Stoffe auf den von den Spaniern eingeführten Handwebstühlen gewebt. Dieses Handwerk wird von Männern ausgeübt, während die Mayafrauen ihre traditionellen Kleidungsstücke auf dem schon seit Jahrtausenden bekannten Hüftwebstuhl weben.

Bevor der Weber mit dem eigentlichen Webvorgang beginnen kann, sind eine Reihe von vorbereitenden zeitaufwändigen Arbeiten erforderlich. Sowohl die Vorbereitung des Webstuhls, als auch das Weben selbst erfordert eine Menge Geduld und Konzentration.

Hüftwebstuhl Foto: © Girasol
Der fertig vorbereitete Webstuhl Foto: © Girasol
Weber bei der Arbeit Foto: © Girasol

 Jeder Schussfaden wird für ein z.B. 5,20 Meter langes Tragetuch 5000 Mal zwischen den Kettfäden hindurch geschossen. Mit Hilfe der Fußpedale wird parallel dazu die Webart, also zum Beispiel Kreuz- oder Diamantköper oder die Fischgratwebung, eingestellt. Ein geübter Handweber schafft an einem Arbeitstag von 8 Stunden die Länge von 15 Metern zu weben.

Wenn man ein handgewebtes Tragetuch genau ansieht, kann man den Arbeitsrhythmus des Webers am Material erkennen. Zusammen mit den Unregelmäßigkeiten, die mit dem Prozess der Handwebung einhergehen, macht das jedes Tragetuch von Girasol zu einem Unikat.

Qualitätskontrolle in Berlin

 Trotz großen Vertrauens in die Qualität der handgewebten Stoffe und der handwerklichen Fertigkeiten der Schneider*innen, unterziehen die Mitarbeiterinnen in Berlin jedes Tragetuch, jeden Ringsling und jeden MySol einer genauen Überprüfung.

Girasol weiß um die hohen, durch die Perfektion der industriellen Fertigung geprägten Ansprüche der Kund*innen, hebt aber dennoch gerne die Einzigartigkeit eines handgewebten Stoffes oder handgearbeiteten MySol hervor. Kleine Unregelmäßigkeiten im Gewebe, eine nicht wie am Lineal gezogene Naht, erweisen sich dann nicht als Mangel, sondern sind Ausdruck von Originalität und verweisen auf den hinter dem Produkt stehenden Menschen.

Girasol in den letzten Jahren und heute

 Das Team um die Gründer*innen hat sich alle Mühe gegeben, dem “Run” auf ihre Tücher und den MySol standzuhalten. Girasol hat sich weiterentwickelt und das Team ausgebaut und professionalisiert. Trotzdem ist den Inhaber*innen der kauzige Charme und die Gelassenheit mancher Weltreisenden erhalten geblieben.

Girasol vertreibt heute hauptsächlich Tragen und Tücher über den eigenen Onlineshop oder Wiederverkäufer weltweit. Gepackt, koordiniert und versendet wird immer noch in Berlin.

Trageberatung und Exclusives

 Wer den Weg nach Berlin-Schöneberg findet, kann eintauchen in eine andere Welt und das ein oder andere Kleinod entdecken. Aber nicht nur das, im Laden in Berlin findet man auch unsere hochgeschätzte Kollegin Nina, sie beantwortet gerne viele Fragen rund ums Tragen. Die Kundi*nnen können sich Tuch, Ringsling oder MySol vor Ort eingehend anschauen und sich beraten lassen.

Außerdem webt Girasol Tragetücher im Auftrag von Läden, Gruppen und auch Einzelpersonen die sogenannten Exclusives. Bei einem Exclusive wird ein Tuch nach einem eingereichten Design gewebt und dann exklusiv durch die Designer*innen verkauft. Die Mindestmenge dafür sind 114 m, das entspricht etwa 23 Tüchern à 4,60 m (Größe 6). Webart, Farbverlauf, Schussfarbe – das alles kann frei gewählt werden.

Girasol MySol

 Erwähnt wurde das gute Stück in diesem Text nun schon mehrfach: es geht um den MySol. Eine Trage, die durch ihre Simplizität besticht.

Als Girasol 2009 damit begann, eine Tragehilfe aus handgewebten Baumwollstoffen zu entwickeln, ergab sich glücklicherweise eine Zusammenarbeit mit der Berliner Trageberatung.

Das Ergebnis war eine bereits für Neugeborene geeignete, in ihrer Einfachheit geradezu geniale Tragehilfe, die sich an dem traditionell in vielen asiatischen Ländern benutzten Mei Tai orientiert und durch Hinzufügung des Doppeltunnels auch für größere Kinder noch nutzbar ist.

Die Einmaligkeit des MySol („meine Sonne“) wurde Girasol vom Europäischen Patentamt durch die Eintragung als nationales und europäisches Patent bestätigt.

Der MySol Tulip Foto: © Girasol

 Ganz aktuell – soviel können wir verraten – bastelt das Team von Girasol an einer Variante des MySols. Dieser soll auffächerbare Träger haben und somit das Gewicht, wie bei einer WrapCon üblich, breiter über die Schultern verteilen. Wir durften im Juni beim Tragesymposium 2017 in Hamburg schon einen ersten Blick auf diese Neuerung werfen.

Wir sind gespannt, wann Girasol ihre zweite Trage auf den Markt bringt und was sich das Team in der Zukunft für uns ausdenken wird.

Update: Mittlerweile ist die WrapMySol schon auf dem Markt. Bei dieser Tragehilfe werden die Schulterpolster durch auffächerbare Träger ersetzt.

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