Trage-Impressionen aus Indien

 Gastartikel von Julia Küpper

In vielen Kulturen dieser Welt werden traditionell Tücher verwendet, um Babys und Kleinkinder zu tragen. Was die Kanga für Ostafrika und der Rebozo für Mexiko ist, wird in Asien als Sarong bezeichnet. Diese rechteckigen Stoffe werden häufig als Rock getragen (vor allem von Männern!), finden aber ebenso Verwendung als Decke, Handtuch oder Abschleppseil, und dienen natürlich auch dem Transport des Nachwuchses (vor allem von Frauen!):

Incredible India!

 Voller Staunen und Faszination habe ich in den letzten Wochen den Südwesten dieses Wahnsinnslandes bereist, Sonne geatmet und die kribbelige Freiheit gespürt, die mich in tropischen Gefilden stets begleitet.
Indien, ein Land mit unglaublichen 1,2 Milliarden Menschen, spuckt jedes Jahr 27 Millionen neue Erdenbürger aus. Die Gehwege sind mal steinig und mal sandig, meist vollgestopft mit Menschen, Mopeds und Kühen, und entwickeln sich zur Monsunzeit in ein Meer aus Schlamm und Müll. Du kannst es dir sicher schon denken: Kinderwägen und Buggys sind in Indien kaum verbreitet.

Stattdessen kommt der Sarong zum Einsatz. Ich persönlich habe ausschließlich die dem Hüftsitz ähnelnde Bindeweise gesehen, die auf meinen Fotos abgebildet ist. Dafür wird der Sarong einfach auf der Schulter geknotet und das Kind auf der Hüfte getragen. In anderen Teilen Indiens, beispielsweise im Himalaya, sollen Kinder aber wohl auch vermehrt auf dem Rücken transportiert werden.

Das Tuch wird für diesen “Hüftsitz” weder über der Schulter aufgefächert noch strähnchenweise festgezogen, wie wir es vom Ringsling kennen. Stattdessen stützen die Mütter ihre Kinder häufig noch mit einem Arm, auch um das gefühlte Gewicht ein wenig zu reduzieren.

Babys werden von Geburt an im Sarong getragen, in den ersten Lebensmonaten vorrangig in der Wiege, also vor dem Bauch liegend und mit den Beinen und dem Kopf im Tuch. (In weiten Teilen Europas wird diese Bindeweise in der Trageberatung nicht mehr empfohlen.)

Ältere Kinder werden dann aufrecht getragen, aber zum Schlafen oder Stillen wieder in die Wiegeposition gebracht.

Die Geschichte von Ganga

 A propos Schlafen und Stillen – Babys in Indien bekommen automatisch das, was hierzulande als Attachment Parenting oder bindungsorientierte Elternschaft bezeichnet wird. Sie verbringen viel Zeit am Körper ihrer Eltern. Sobald ein Baby zu weinen beginnt, wird es im Sarong quer vor den Bauch gelegt und gestillt. Auch Laufkinder werden ganz natürlicherweise nach Bedarf gestillt.
Windeln werden in Indien nur von Touristen und gutsituierten Familien verwendet. Das normale Baby lebt windelfrei und wird einfach abgehalten, Schlüsselreiz inklusive.

Mit älteren Kindern wird hingegen schon etwas rauher umgegangen. Diese bekommen bei unerwünschtem Verhalten auch gern mal einen Klaps. Vor allem aber sind sie schon früh auf sich allein gestellt. Dem Welpenschutz des Sarongs entwachsen, werden die Kinder oft tagsüber bei Verwandten untergebracht, damit die Eltern arbeiten gehen können.

Und das bringt mich zur Geschichte von Ganga.

 Ganga ist eine von 24 Schmuckverkäuferinnen am kleinen Kudle Beach im Staat Karnataka. Sie ist 21 Jahre alt und das Baby im Sarong ist ihr drittes Kind. Sie erklärt mir, dass die Ringe an ihren “Zeige-Zehen”, die Farben ihrer Halskette und der rote Punkt auf ihrer Stirn sichtbare Zeichen dafür sind, dass sie verheiratet ist. Ihr Mann ist ebenfalls Schmuckverkäufer am Kudle Beach. Die beiden älteren Kinder verbringen die Tage bei einer Tante.

Mir dämmert, dass die oben beschriebene Behandlung von Säuglingen weniger dem Bindungsaufbau dient – jedenfalls wird sie sicher nicht auf dieser Ebene reflektiert – als der dringenden Notwendigkeit, mit dem Baby im Schlepptau schon kurz nach der Geburt wieder arbeiten zu können.
Das Baby wird am Körper getragen, sodass die Hände frei sind für die kiloschweren Ketten und Armbänder. Das Baby wird nach Bedarf gestillt, um das Wandern am Strand auf der Suche nach potentiellen Kunden nicht zu unterbrechen. Attachment Parenting als Überlebensstrategie.

Meine europäischen Selbstverwirklichungsflausen kommen mir albern vor – wie so oft, wenn ich in Asien bin. In Deutschland streben viele von uns nach der perfekten Work-Life-Balance. Wir wollen einen Job, der Spaß macht und genügend Geld bringt. Wir suchen eine Partnerschaft, die uns erfüllt. Wir haben Sozialstress und gewisse materialistische Ansprüche. Während Gangas Geschichte in mir nachhallt, bin ich wieder einmal dankbar, dass ich mich in der Heimat lediglich mit lächerlichen Luxusproblemen herumschlage.

Epilog

 Schlussendlich hatte ich doch noch das Vergnügen, ein Baby im Tragetuch auf dem Rücken zu sehen. Und zwar im einfachen Rucksack, nach meiner Anleitung. Denn tatsächlich hatte ich die Möglichkeit, in Indien eine Trageberatung zu machen!

Daphne ist Holländerin, lebt seit 6 Jahren in Indien und führt mit ihrem Mann ein Café. Auch mit zwei kleinen Kindern schmeißen sie den Laden, es ist schließlich Hochsaison. Elternzeit? Fehlanzeige.
Nun, da sie den einfachen Rucksack binden kann, geht ihr der Arbeitsalltag hoffentlich etwas leichter von der Hand.

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